Alle 20 Jahre hält Rolf Hüllinghorst einen Vortrag bei einer Festsitzung des Guttempler-Kongresses, stellt er anlässlich seines 60jährigen Guttempler-Jubiläums fest. Dies sei darum vermutlich sein letzter zu einem solchen Anlass. Über seine persönliche Lebensgeschichte, die seit seiner Jugend eng mit den Guttemplern verwoben ist, beleuchtet er Facetten des Nachkriegsdeutschlands und dessen Umgang mit dem Alkohol, aus denen wir hier Auszüge vorstellen.

Rolf Hüllinghorst bei seinem Festvortrag in Ratingen

Geschichte 1

Mein Vater arbeitete als Kaufmann und Vertreter, Mutter war zu Hause, und ich erinnere mich gerne an diese Zeit. Doch der Alkohol spielte eine immer größere Rolle und zu einem Zeitpunkt der Abhängigkeit, zu dem heute sicherlich noch niemand an Hilfe denken würde, versprach er meiner Mutter »Mittwoch gehe ich zu Wettlaufer«.
Wettlaufer, das war der Leiter der ›Loge‹ »Wilhelmine Lohmann«, die mittwochs in der 1. Etage des Guttemplerhauses tagte. Im Anschluss daran ging es ins Erdgeschoss, das noch bewirtet wurde und wo man bei Kaffee und alkoholfreien Getränken zusammen saß.
Meine Mutter war skeptisch, aber Vater kam als Mitglied zurück und blieb es sein Leben lang. Da ging Martha am nächsten Mittwoch mit, ließ sich auch aufnehmen und blieb ebenso bis zu ihrem – viel zu frühen – Tode Mitglied.

1957 kommt die Guttempler-Jugend ins Spiel. Das Allergrößte in der Rückschau waren die Begegnungen mit jungen Menschen aus anderen europäischen Ländern. Wer hatte das schon in diesen Aufbaujahren unserer jungen Republik? Es war 1961, ein internationales Jugendlager in Chigwell bei London (in dem ich Frauke und Erich Hünecke das erste Mal getroffen habe), und im Anschluss daran machten wir zu zwölft eine Fahrradtour durch Südengland. In Berlin wurde die Mauer gebaut, das machte mir Angst. Aber wir waren zusammen mit Jugendlichen aus allen europäischen Ländern; ein Gefühl, das Sicherheit vermittelte.

Als Leiter der Guttempler-Jugend in der Nachfolge von Günter Rudeck und Jürgen Ehlerding war mir die europäische Arbeit ein besonderes Anliegen. Wir haben immer noch Kontakt zu den damaligen Leitern der Jugendarbeit. So nach Holland (Ron Manheim, der inzwischen Museumsleiter in Moyland war), in die Schweiz (Paul Klee, den inzwischen sein Sohn Alex beerbt hat), in Norwegen (Helge Kolstad) und in Schweden. Und die Kontakte nach Belgien zu den beiden letzten Vertretern dort, Marcel Hebbelinck und Charles de Neef. Natürlich ist das Umfeld noch größer, es wären noch viele Namen zu nennen. Was immer wieder gleich ist: Wenn man sich zum Teil jahrelang nicht gesehen hat: man trifft sich und hat das Gefühl, nicht getrennt gewesen zu sein. Der Gesprächsfaden ist nicht abgerissen und kann sofort weiter gesponnen werden.

Im »Mach mit«-Prozess wird über die Frage der Mitgliedschaft diskutiert. Meine Frau Sabine und ich lernten uns 1968 in Berlin kennen, wir heirateten 1969 und 1970 wurde sie Mitglied. Ich sollte sie nicht heiraten, weil sie Guttemplerin war, deshalb ihre Mitgliedschaft erst nach der Hochzeit – das war ihre eigene, freie Entscheidung. Und bereits 1970 wurde sie ohne eine Aufnahmefeier, einfach mit Unterschrift, Guttemplerin. In der Art und Weise der Aufnahme ist vieles denkbar – aber für mich ist ganz wichtig: Guttempler leben alkoholfrei. Da kann es keine andere Grenze geben, denn wer würde die definieren?

Was habe ich gelernt? Eine entschiedene Haltung zum Alkohol. Nein zu sagen, bewusst nein zu sagen. Lernen, nein zu sagen, auch in anderen Lebenszusammenhängen. Sich selbst treu zu bleiben.

Geschichte 2

Jetzt beginnt eine neue Geschichte. Bis zum 30. Lebensjahr habe ich Eisen und Ersatzteile verkauft, arbeitete in Bielefeld, Berlin und Braunschweig, wurde Abteilungsleiter und Handlungsbevollmächtigter. Die Tätigkeit für die Guttempler-Jugend und die Guttempler nahm viel Raum in unserem Leben ein.

Da starb mein Vater, unser Haus in Bielefeld wurde frei und wir nahmen das als Anlass, noch einmal ganz neu zu starten. Vormittags Schule und Studium, nachmittags Umbau des Hauses. Sozialarbeit wurde studiert, was sonst? Denn auch das wurde deutlich: Durch Veränderung in der Sucht-Landschaft wurde die Rolle der ehrenamtlich Tätigen immer mehr eingeschränkt.

Schon während des Studiums wurde ich Vertreter der Guttempler in der Westfälischen Arbeitsgemeinschaft gegen die Suchtgefahren und in der Nordrhein-Westfälischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren. In dieser Funktion habe ich an Sitzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesstellen teilgenommen. Wen traf ich da? Die Landesvorsitzenden der Guttempler. Ludwig Hansen aus Schleswig-Holstein (Ingas Opa), Otto Landt aus Hamburg (der mit Dieter Maul »seinen jungen Mann« mitgebracht hatte, der der erste hauptamtliche Geschäftsführer einer Landesstelle wurde), Dr. Eberhard Jüngling aus Niedersachsen und Maria Koschate aus Hessen. Suchtarbeit, so lernte ich es, das waren die Guttempler. Vielleicht liegt es auch an diesen Erfahrungen, dass mir jeder Bedeutungsverlust der Guttempler so zusetzt, dass ich wirklich daran leide.

Zum endgültigen Abschluss des Studiums gehört ein Anerkennungsjahr. In diesem Jahr war ich Angestellter des Guttempler-Bundesverbandes, und Helmut Lehmann war mein Anleiter. »Praxisanleitung in Selbsthilfegruppen Suchtkranker« lautete der Titel meines Abschlussberichtes, und bezahlt hat es eine der vielen Stiftungen der Freien Wohlfahrtspflege – das war mein erster Antrag, den ich geschrieben habe und dem noch hunderte folgen sollten. Ich reiste durch die Gemeinschaften, vertrat die Guttempler in Gremien, führte Seminare durch – all das, was unsere Suchtreferenten heute auch tun.

Inzwischen vertrat ich den Paritätischen im Vorstand der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Wir waren zu einem Besuch bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA). Direktor Weinhagen, breit auf dem Sofa seines Büros sitzend – teilte uns mit, dass er die Verbände in der DHS unterstützen möchte, aber nicht so recht wüsste, wie man das am besten tun sollte. Mein Abschlussbericht war dann die Grundlage für eine Förderung mit zunächst 500.000 DM. Eine damals unfassbare Zuwendung – von 0 auf 500.000! An dieser denkwürdigen Sitzung nahmen drei Guttempler teil: Herbert Ziegler als Geschäftsführer, Günter Rudeck als Vorsitzender und ich als Vorstandsmitglied der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

Nach 10 Jahren als Funktionär und Geschäftsführer beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Bielefeld und Vorstandsmitglied und Vorsitzender der DHS bekam ich die Chance, als Nachfolger von Herbert Ziegler die Geschäftsführung der DHS zu übernehmen. Das war eine Position, die mich schon reizte, als ich noch klein war – und ich durfte sie ab 1990 für 18 Jahre ausfüllen.

In der Rückschau baute alles Lernen und alle Erfahrung gut aufeinander auf: Frühe Verantwortung in der Guttempler-Jugend, kaufmännische Lehre, Verantwortung als Handlungsbevollmächtigter und Umgang mit Zahlen und Menschen. Studium und Politik. Das war das Rüstzeug zum Funktionär. Und, auch das war mir immer wichtig: Meine Erfahrungen bei den Guttemplern, die Kenntnis von Schicksalen, die Einordnung in Entwicklungen. Nicht etwas zu vertreten, was andere wollen, sondern eigene Kenntnisse von dem zu haben, um das es geht.

Die enge Verflechtung zwischen Guttemplersein, privatem und beruflichem Leben wurde deutlich. Für mich war es keine Entscheidung, Mitglied zu werden, das war normal. Aber dabei zu bleiben wenn es schwerfällt, das hat dann viel mit persönlichen Einstellungen und der Organisation zu tun. Vor allen Dingen aber mit den Menschen, die man trifft, mit denen man sein Leben lebt und teilt.

Unser Weg als Organisation

Was wollen wir, wozu haben wir uns als Mitglieder verpflichtet?

  • wir wollen Menschen helfen, sich aus der Abhängigkeit zu befreien und
  • wir wollen Menschen vor der Abhängigkeit bewahren.

Mir geht es heute nicht um die Zahl der Mitglieder, sondern darum, wo wir Wege gebahnt und gebaut haben, wo unsere Arbeit auf der Basis unserer Zielsetzungen Spuren hinterlassen hat, wo Wege der alkoholfreien Lebensweise breiter geworden sind. Ich versuche das, entlang der Verpflichtungen, die wir alle übernommen haben, zu beschreiben.

Enthaltsamkeit einst

In der Gemeinschaft verpflichte ich mich zur Enthaltsamkeit. Mein suchtmittelfreies Leben ist das Vorbild für andere Menschen. Es ist in unserer Gesellschaft möglich, alkoholfrei zu leben. Enthaltsamkeit ist für viele Menschen eine Notwendigkeit und eine damit einhergehende Konsequenz. Abhängigkeit oder Freiheit? Konsum oder Suchtmittelfreiheit? Die alkoholfreie Lebensweise als Konsequenz, sein Leben zu ändern, wieder man selbst zu sein. Vorbild dafür zu werden, dass es möglich ist, zufrieden ohne Alkohol zu leben. Oder anders beschrieben: Die Freiheit vom Alkohol führt in die Freiheit zu meiner persönlichen Entwicklung, führt mich zu mir und damit zum anderen. Lassen Sie sich nicht von den ganzen Begriffen rund um die Kontrolle verwirren. Die Liebe kontrolliert nicht, sie vertraut. Sie kontrolliert genau so wenig, wie Freiheit herrscht.

Brüderlichkeit (Nächstenliebe) einst

Hier geht es um Hilfe und Unterstützung für den Anderen, für den Nächsten. Wer ist Dein Nächster? So haben wir es früher gesungen, und das ist nicht altmodisch, sondern eine höchst aktuelle und äußerst moderne Aussage.

Es kommt niemand zu uns, sagen wir manchmal bedauernd. Holen wir ihn (oder sie) denn? Wir denken viel zu oft, dass es andere schon tun werden. Das klappt aber nicht, sondern nur ich kann helfen. So weit, wie mein Arm reicht. Manchmal ist das (noch) nicht so weit, aber es ist meine Entscheidung, ihn auszustrecken.

Gerechtigkeit einst

Das ist der Grad, zu dem wir uns verpflichten, wenn wir auf der Bundesebene mitarbeiten wollen. Und er ist so einfach zu beschreiben: Wir setzen uns politisch und gesellschaftlich, soweit unser Arm reicht, dafür ein, dass weniger Menschen durch Alkohol und Suchtmittel zu Schaden kommen, dass das Angebot an Suchtmitteln reduziert wird.

Frieden einst

Dazu verpflichten wir uns auf der Internationalen Ebene. Es geht um persönliche Entwicklung, um persönliche Einstellungen, um ein universelles, gleichwertiges Miteinander aller Menschen in der Welt zu erreichen.

Allen diesen beschriebenen Verpflichtungen sind persönliche Entscheidungen vorausgegangen. Jeder Mensch kann auch ohne eine solche Verpflichtung leben und diese Ziele anstreben. Aber als Guttempler sind uns diese Verpflichtungen in Fleisch und Blut übergegangen und Teil unseres Lebens geworden.

Der Weg ist breiter geworden?

Wenn wir alleine auf unsere Organisation schauen, hat man vielleicht einen anderen Eindruck. Die Mitglieder laufen uns nicht weg, aber es kommen nur wenige neue dazu. Wir verlieren massiv Einfluss auf unterschiedlichen Ebenen (Landesstellen, DHS, Spitzenverband Parität, Politik); die Eigenmittel werden weniger. Es sind weniger Menschen, die bereit und in der Lage sind, Führungspositionen zu übernehmen.

Schwärzer will ich nicht malen. Und ich kann auch sagen, dass wir als Organisation mit dieser Situation nicht allein stehen, aber das tröstet nur wenig, wenn der Kreis am Gemeinschaftsabend kleiner wird.

Die Liste von problematischen Entwicklungen lässt sich fortsetzen, wenn wir über den Tellerrand unserer Organisation schauen:

  • Ungleich verteilte Chancen in unserem Land,
  • die Ungleichheit in der Welt erscheint bedrohlich,
  • Not, Elend, Armut und Kriege in der Welt,
  • Fake-News: Wir wissen nicht mehr genau, was die Realität beschreibt, was Meinung ist. Was ist wessen Meinung, was ist meine Meinung? Wo stehe ich, was soll ich glauben, woher bekomme ich meine Urteilsfähigkeit? Behalte ich meine Mitte?

Und dennoch: Es hat sich etwas bewegt. Sie und wir alle sind viele Schritte gegangen, haben Wege geebnet und Wege gebaut. Wir haben dafür gesorgt, dass sich auf unserem Arbeitsfeld, auf der Basis unserer Zielsetzungen, etwas bewegt. Wir als Guttempler haben mit dafür gesorgt, dass der Weg breiter geworden ist.

Lassen Sie mich das auf der Basis unserer Grundsätze und unserer Zielsetzungen beschreiben und belegen.

Enthaltsamkeit heute

Die alkoholfreie Lebensweise ist eine ganz persönliche Entscheidung. Aber auch aus dieser Einstellung heraus wollen wir Menschen vor Schäden und der Abhängigkeit bewahren und ihnen aus der Abhängigkeit helfen. Dazu bedarf es politischer Interventionen, alkoholpolitischer Aktivitäten, um das Angebot an Suchtmitteln, speziell aber an Alkoholika, in unserem Lande zu reduzieren. Um dadurch den Konsum zu senken und die gesellschaftlichen Schäden zu reduzieren.

Und wenn es manche Menschen auch nicht wahr haben wollen: Der Konsum von Alkohol geht in Deutschland seit 1980 kontinuierlich zurück, bis heute um fast ein Drittel (1980: 15,1; 2015: 10,7 l reinen Alkohols pro Kopf der Bevölkerung).

Das Angebot an alkoholfreien Getränken ist gewachsen; der Trinkzwang ist weitgehend gelockert, alkoholfrei zu leben ist leichter geworden.

Punkt-Nüchternheit, die wir im Jahre 1978 in unserem »Alkoholpolitischen Programm« postuliert haben, fand 25 Jahre später Eingang in Papiere der Regierung. Punkt-Nüchternheit meint, dass es Bereiche, Zeiten und Menschen gibt, die alkoholfrei sind beziehungsweise leben. In meinen Augen das erfolgreichste Modell, um den Konsum weiter zu senken, ohne in den Geruch der »Verbotsorganisation« zu kommen.

Auch deshalb gab es hier in Ratingen keinerlei öffentliche Äußerung zu »Kein Alkohol«, sondern nur zur Alkoholfreiheit und zum Streben nach Frieden und Freiheit: Alkoholfrei in eine friedliche Zukunft – so lautet das Motto unseres diesjährigen Guttempler-Kongresses hier in Ratingen. Ich glaube, dass das nicht zu übersehen war.

Es sind noch dicke Bretter zu bohren, denn die Alkoholindustrie will keinen Umsatzeinbruch hinnehmen. Aktuell versucht sie, Umsatzeinbußen in den entwickelten Staaten durch verstärkte Bemühungen in Asien, Afrika und Südamerika auszugleichen. Das passt leider in die immer noch vorherrschende Wachstumsideologie, der sich alle Parteien und Politiker verschrieben haben. Wenn der Umsatz hier nicht wächst, dann woanders – rücksichtslos gewinnorientiert und gierig. Wir müssen unsere Bemühungen europa- und weltweit vernetzen – alleine in Deutschland werden wir mit der Reduzierung des Alkoholkonsums nicht so weit kommen, wie wir möchten und müssten.

Brüderlichkeit heute

Ja, es gibt immer noch zu viele Menschen, die entweder unter ihrer oder der Abhängigkeit eines nahestehenden Menschen leiden.

Die Gesellschaft traut sich nicht, diesen Menschen früh genug Hilfe anzubieten. So nutzen zum Beispiel die Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeiten der Früherkennung und Frühintervention zu wenig. Im Betrieb wird wieder nicht mehr genau hingeschaut und Hilfe angeboten. Von den Nachbarn ganz zu schweigen. Übermäßiger Konsum ist für jeden Menschen schädlich. Die Grenzwerte sind derart niedrig, dass auch wir sie kaum glauben wollen. Fake-News wie »Bier ist gesund« oder »Rotwein reduziert Herzprobleme« beschäftigen uns immer wieder. Dabei gibt es sogar ein Gerichtsurteil, dass für Bier nicht mit Gesundheit geworben werden darf und eine neue wissenschaftliche Studie, die mit dem Märchen der gesunden kleinen Menge und der gesunden südlichen Ernährung mit Wein aufräumt.

Aber auch hier: Es geht voran, die Versorgung suchtkranker Menschen in Deutschland hat optimale Rahmenbedingungen und ist erfolgreich!

Um 1900 gibt es erste Trinkerasyle, Trinkerheilstätten. Das erste war ganz in der Nähe, in Lintorf. Zur gleichen Zeit beginnen Abstinenzorganisationen, Menschen in Not zu helfen und nehmen sie in den geschützten Raum ihrer Gemeinschaften.

Ab 1960 gibt es einen massiven Ausbau der freiwilligen Arbeit, die Guttempler beginnen – als noch nicht über Selbsthilfe gesprochen wurde – mit Neuland-Gruppen. Einen Durchbruch erleben wir mit dem Urteil des Bundessozialgerichtes (BSG) vom 18.6.1968: Abhängigkeit ist eine Krankheit, die der Behandlung des Arztes bedarf – und damit öffentlich zu finanzieren ist. Diese Finanzierung ist dann in der Empfehlungsvereinbarung von 1978 geregelt. Das Urteil löst einen Boom der stationären professionellen Hilfe aus, auch unsere Einrichtungen Mahlertshof, Mackenzell und Rainmühle entstehen. Die ambulante Therapie kommt um die Jahrtausendwende dazu und wir können als Fazit sagen: Wer Hilfe sucht und zulässt, bekommt diese in einer fachlich qualitativ hochwertigen Art und Weise, wie es weltweit einmalig ist. Aber wir müssen auch sagen: Die ehrenamtlich geleistete Hilfe hat ihren hohen Stellenwert verloren.

Gerechtigkeit heute

Sich politisch und gesellschaftlich dafür einsetzen, dass weniger Menschen durch Alkohol und Suchtmittel zu Schaden kommen. Das schließt nahtlos an meine Ausführungen zum Thema »Enthaltsamkeit« an. Es reicht aber weit über die Suchtfragen hinaus in gesamtgesellschaftliche Probleme der Ungerechtigkeiten. Vorrangig geht es darum, die Kluft zwischen Arm und Reich auf allen Ebenen zu schließen.

Frieden heute

Nach dem IOGT-Weltkongress vor acht Jahren in Fredrikstad in Norwegen trafen wir uns mit einigen Mitgliedern der »Reha Core Group«. Uns bewegte die Frage, was die Gründer unserer Organisation heute als Zielsetzungen anstreben würden. Ihre damaligen Forderungen nach Gleichberechtigung der Frauen und der Afro-Amerikaner sind – zumindest in der westlichen Hemisphäre – erreicht; das Zusammenleben der Nationen hat Fortschritte gemacht. Was kommt jetzt? Was hätten uns unsere Urgroßväter erzählt oder vorgelebt? Was sind unsere aktuellen Zielsetzungen?

Es war überraschend: Mehrere Mitglieder der Gruppe benannten die Millenniumsziele der Vereinten Nationen (UN) als Ziele, denen sich auch unsere Vorväter angeschlossen hätten, für die sie gekämpft hätten. Wikipedia beschreibt diese Ziele so:

Als Millennium-Gipfel wird die 55. Generalversammlung der Vereinten Nationen bezeichnet, die vom 6. bis 8. September 2000 in New York stattfand. Auf der bis dahin größten Zusammenkunft von Staats- und Regierungschefs einigten sich die Teilnehmer auf einen Maßnahmenkatalog mit acht konkreten Ziel- und Zeitvorgaben und dem übergeordneten Ziel, die Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren: den Millenniums-Entwicklungszielen.

Diese Ziele konnten bis 2015 nicht alle erreicht werden, aber es war ein starkes Signal. Alle Staaten waren sich einig, dass der Prozess fortgeführt werden muss. Das wurden dann die »17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung.« Es sind politische Zielsetzungen der Weltgemeinschaft der Vereinten Nationen (UN), die der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene dienen sollen. Die Ziele wurden in Anlehnung an den Entwicklungsprozess der Millenniums-Entwicklungsziele entworfen und traten am 1. Januar 2016 mit einer Laufzeit von 15 Jahren in Kraft. Im Unterschied zu den Millennium-Zielen, die insbesondere Entwicklungsländern galten, gelten die neuen Ziele für alle Staaten. Diese Ziele sind:

  1. Armut in jeder Form und überall beenden
  2. Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern
  3. Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern
  4. Inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle fördern
  5. Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen erreichen
  6. Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle gewährleisten
  7. Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und zeitgemäßer Energie für alle sichern
  8. Dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern
  9. Eine belastbare Infrastruktur aufbauen, inklusive und nachhaltige Industrialisierung fördern und Innovationen unterstützen
  10. Ungleichheit innerhalb von und zwischen Staaten verringern
  11. Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig machen
  12. Für nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sorgen
  13. Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen
  14. Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung erhalten und nachhaltig nutzen
  15. Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, Wüstenbildung bekämpfen, Bodenverschlechterung stoppen und umkehren und den Biodiversitätsverlust stoppen
  16. Friedliche und inklusive Gesellschaften im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und effektive, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen
  17. Umsetzungsmittel stärken und die globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung wiederbeleben

Und da gibt es interessante Entwicklungen: IOGT International ist inzwischen in die Diskussion der Umsetzung dieser Ziele auf der globalen Ebene bei der UN einbezogen. Und arbeitet in entsprechenden Gremien bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit. Warum? Weil Alkoholkonsum, Alkoholherstellung und –vertrieb bei 13 der 17 Zielsetzungen einer Zielerreichung entgegenstehen.

Unsere Präsidentin, Kristina Šperková, hat am Begrüßungsabend genau darauf hingewiesen und Beispiele vorgestellt. Deshalb auch hier nur wenige Erläuterungen:

  • Ziel 1: Armut in jeder Form und überall beenden.
    Übermäßiger Alkoholkonsum und Abhängigkeit führen, insbesondere in den bisher wenig entwickelten Ländern, geradewegs in die Armut.
  • Ziel 2: Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern.
    Kann es da sinnvoll sein, kostbare pflanzliche Rohstoffe für Alkohol zu verwenden?
  • Ziel 3: Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern.
    Alkohol ist ein Zellgift, Alkohol ist in keiner Form gesund. Wenn eine Gesellschaft gesund leben will, muss sie ihren Alkoholkonsum so gering wie möglich halten.
  • Ziel 8: Dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern.
    Wir wollen kein Wachstum bei Waffen, Tabak und Alkohol. Wachstum muss dem Gemeinwohl dienen und ist kein Wert an sich.
  • Ziel 11: Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig machen.
    Alkohol behindert diese Entwicklung.

Hier laufen alle unsere Zielsetzungen zusammen, hier sind auch unsere Wege – die alten und die neuen – deutlich beschrieben. Die Wege, auf denen wir bisher gegangen sind, sind breiter geworden. Wir haben viel erreicht, aber wir müssen weitergehen. Auf den breiteren Wegen haben wir Freunde gefunden, kämpfen nicht mehr alleine, und inzwischen sind auch Wegzeichen errichtet. Wir können stolz sein auf Erreichtes – das kann uns Kraft für Neues geben.

Der Weg ist breiter geworden

Unsere Vorfahren haben erste Schritte auf unseren Arbeitsfeldern getan, wir haben die Wege ausgetreten und aus den schmalen Wegen sind breite Straßen geworden.

  • es ist leichter geworden, ohne Alkohol, alkoholfrei, zu leben;
  • es wird in Deutschland weniger Alkohol getrunken;
  • Suchtbehandlung wird finanziert, differenziert, evidenzbasiert. Wissenschaft und Therapeuten haben das Arbeitsfeld besetzt, Formen der Kooperation müssen neu entwickelt werden;
  • die wirtschafts- und wachstumsorientierte Politik muss mit uns leben, sie kann das Thema Alkohol nicht mehr verdrängen; wir haben Öffentlichkeit geschaffen und Themen besetzt.

Die Entwicklung hin zur Gleichwertigkeit in der Welt ist nicht aufzuhalten. Bei allen Schreckensmeldungen: Die Armut nimmt ab und in allen wenig entwickelten Staaten gibt es hervorragend ausgebildete junge Menschen, die nicht korrumpierbar sind und die mit uns zusammen arbeiten wollen.

Wir, als die über Jahrhunderte hinweg bevorteilten Mitteleuropäer, werden abgeben müssen. An die Menschen in Afrika, Asien und Südamerika. Das wird schmerzhaft, ist aber eine der Voraussetzungen für friedliche Entwicklungen.

Helfen ist kein Tauschgeschäft

Die Guttempler in Deutschland blicken auf knapp 130 Jahre wechselvoller Geschichte zurück. Ich habe versucht darzustellen, was wir getan haben, wobei wir mitgewirkt haben, wo andere unsere Ideen aufgegriffen und weiter entwickelt haben.

Wenn wir helfen, so tun wir dies für den Menschen, dem wir begegnen. Wir tun dies nicht für uns, wenngleich es auch ein gutes Gefühl ist, helfen zu können. Helfen ist kein Tauschgeschäft – ich habe Dir geholfen, Du wirst jetzt Mitglied. Nein, Helfen ist eine freiwillig geleistete Tätigkeit. Helfen ist Nächstenliebe. Selbst etwas von sich zu geben, das bedeutet auch, selbst neue Kräfte zu gewinnen.

Das ist ja nur ein Einzelfall, so denken wir oft. Aber ist es nicht bewundernswert, wie viele Einzelfälle zu gesellschaftlichen Entwicklungen geführt haben?

Sie, liebe Guttemplerinnen und Guttempler, können stolz auf das Erreichte, auf gesellschaftliche Veränderungen sein, die es ohne unsere Mitwirkung so nicht gegeben hätte. Wir können stolz sein, trotz aller Zweifel.

[Der vollständige Vortrag kann auf der Website von Rolf Hüllinghorst als PDF heruntergeladen werden]