Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) lehnt die Verwendung von Programmen für Smartphones und Tablets (Apps) im Bereich der Beratung und Behandlung von Suchtkranken mit einem Hinweis auf den Datenschutz und die Gewährleistung der Anonymität von Hilfesuchenden und Personen in Behandlung ab.

Weibliche Hände halten ein Smartphone, im Hintergrund Lokalbesucher

Anonymität nicht sicher

Insbesondere Konsumenten illegaler Drogen reicht die Schweigepflicht der Beratenden häufig nicht aus. Ob gerechtfertigt oder nicht, die Befürchtung strafrechtlicher Konsequenzen kann die Annahme von Hilfen verhindern, wenn Anonymität nicht gewährleistet werden kann. Aber auch Personen mit Alkohol- oder Glücksspielproblemen möchten ihre Identität nicht öffentlich preisgeben und selbst darüber bestimmen können, welche Personen Kenntnis über ihre Erkrankung erhalten. Das gilt nicht nur für den Bereich der Kontaktaufnahme zum Hilfesystem und der Beratung. Auch in der Behandlung gilt der Datenschutz von Kranken.

Die Installation von Apps, die eine Beratung oder Behandlung von Suchtproblemen begleiten oder ersetzen soll, steht im Widerspruch zur Gewährleistung von Anonymität.

Zunächst stellt sich das Problem der Auswertung und/oder Speicherung sogenannter »Nachbar-Apps« und der Vergabe von Zugriffsberechtigungen an Apps wie Twitter und Facebook. Datenschutz in der Systemsoftware von Google und Apple und private Datenspeicherung in Cloudsystemen ist ebenfalls problematisch. Es kann nicht sichergestellt werden, dass das technische Verständnis der Nutzer ausreichend ist, um selbstständig alle datenschutzrelevanten Aspekte zu bedenken.

Auch »Opt-Out«-Einstellungen zur Vergabe von Zugriffsrechten benachbarter Apps und ähnliches sind nicht jedem Nutzer bekannt. Dies ist aber zwingend notwendig, da es sich um eine App mit konkretem Diagnosebezug handelt. Um andererseits die gewünschten Inhalte einer App nutzbar zu machen, muss auch sie selbst gegebenenfalls auf Apps und Funktionen des Smartphones zugreifen (zum Beispiel Fotos, Kontakte), was weitere Datenschutzprobleme verursacht.

Doch auch wenn die Apps und Geräte mit dem technisch besten Datenschutz ausgestattet sind, muss der Nutzer in Kauf nehmen, dass zahlreiche Unternehmen Kenntnis von der Installation der App erlangen. Die Hersteller zahlreicher Apps auf demselben Gerät, sowie Betreiber der Systemsoftware erhalten Kenntnis von der Installation der App, auch wenn konkrete Inhalte anschließend nur verschlüsselt übermittelt werden. Unter idealen Voraussetzungen und Einstellungen kann der Datenschutz die Inhalte der Nutzung vor dem Zugriff Fremder sichern. In der Theorie sind mit der Installation und Anmeldung des Nutzers keine Rückschlüsse auf eine entsprechende Krankheit möglich. Dennoch wird dieser Rückschluss nahegelegt, wenn es sich um die Installation einer App handelt, deren Zielgruppe Nutzer mit einer bestimmten Erkrankung sind.

Nutzerverhalten wird systematisch analysiert

Mithilfe großer Datenbanken und möglichst vieler Informationen analysieren Unternehmen wie Google, Facebook, Apple und Amazon die Nutzer ihrer Dienste. Unter Nutzung von Algorithmen ist es ihnen möglich, immer zutreffendere Aussagen über Individuen herzustellen, und sogar Verhalten und Entscheidungen vorherzusagen. Das ist sogar ihr erklärtes Ziel in der Analyse großer Datenmengen. Die Installation einer App mit Diagnosebezug kann im Abgleich mit zahlreichen weiteren Daten ein entscheidender Baustein sein, sodass Rückschlüsse über Suchterkrankungen der Nutzer gezogen werden, die mit einer extrem hohen Wahrscheinlichkeit zutreffend sind.

Neben Unternehmen sind Daten von Nutzern auch für in- und ausländische Nachrichtendienste von Interesse. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sogar bei einer verschlüsselten Nutzung staatliche Behörden Informationen über illegale Aktivitäten im Zusammenhang mit einer Drogenabhängigkeit auslesen und die Nutzer somit potenziell einer willkürlichen Strafverfolgung ausgesetzt werden.