| Soziale Netzwerke – facebook als Ersatz oder als Ergänzung? |
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Zunächst ein persönliches Bekenntnis: Ich nutze gerne all die Möglichkeiten, die mir mein Computer und das Internet bieten. Zugegeben, es wird dafür weniger telefoniert, denn man muss ja nicht reagieren. Aber dafür treffe ich viele Menschen im Netz. In den sozialen Netzwerken. Nicht mehr so häufig bei XING, denn das ist eher ein Netzwerk für geschäftliche und berufliche Kontakte. Obwohl es schon gewaltige Zahlen sind: Wenn alle meine Kontakte ihre Kontakte und die wieder ihre Kontakte anschreiben, dann sind es immerhin 398.478 Personen, mit denen ich verbunden sein könnte. Aber das ist doch nichts gegenüber facebook. Hier geht es richtig rund. Und wen finde ich da alles im Netz? Natürlich meine Kinder, und dort sehe ich meine Enkelkinder auch eher als in der Wirklichkeit, wohnen sie doch über ganz Deutschland verstreut. Dann sind da meine Freunde aus den unterschiedlichen Vereinen und Gremien, von denen ich wirklich gerne wissen möchte, was sie gerade tun. Sind sie auf Kreuzfahrt, in Thailand, Indien oder in Franken? Im Rathaus oder im Krankenhaus? Und ich treffe viele, viele Freundinnen und Freunde aus den unterschiedlichsten Selbsthilfegruppen und –verbänden in Deutschland im Netz. Was mir manchmal fehlt, sind Freundinnen und Freunde meiner Altersgruppe. Sie meinen, sie kämen auch ohne Computer oder Internet aus. Ich glaube das nicht, sie werden es noch lernen müssen, wenn sie Kontakte möchten. Der Postbote kommt irgendwann nicht mehr. Immer häufiger haben nun auch (Unter-)Gruppen einen facebook-Auftritt. Das hört sich gut an, macht neugierig – und ist dann in den meisten Fällen todlangweilig. Denn es reicht ja nicht, nur eine Adresse oder einen „Auftritt“ zu haben, sondern entscheidend sind – wie überall – die Inhalte. Mir persönlich geht es so, dass ich nur da vorbeischaue, wo ich den Eindruck habe, dass es interessant sein könnte, dass gesprochen wird, dass Austausch stattfindet. Aber was ist schon für wen interessant? Dazu zwei Beispiele. In den letzten Tagen konnte ich zwei Mal den Hinweis „Gehe heute Abend in die Gruppe – freue mich schon darauf“ lesen. Darüber habe ich mich richtig gefreut. Denn auch wenn es Seiten der Guttempler, des Kreuzbundes oder der anderen Verbände sind – kaum jemand von den Freundinnen und Freunden erzählt darüber, dass er in eine Selbsthilfegruppe geht, wie seine Gefühlslage vor der Gruppe war, was dort passiert ist (waren neue Menschen da, was waren ihre Probleme, konnte ich etwas zum Gespräch beitragen?). Das fände ich spannend zu lesen, da juckt es in den Fingern, etwas dazu zu schreiben. Oder nur zu klicken: Gefällt mir. Das zweite Beispiel: Auf einer Seite fand ein Austausch – der leider nach der fünften Wortmeldung schon wieder in sich zusammen brach – darüber statt, wie man in der Gruppe mit Menschen umgehen sollte, deren Hauptproblem die Drogen seien. Das finde ich eine ganz wichtige Frage, vor allen Dingen für die Gruppen, in denen in erster Linie Menschen sind, die Alkoholprobleme haben oder hatten. Es gibt sicherlich tausende solcher praktischen Fragen, die man stellen könnte, um auch aus anderen Gesichtswinkeln ein Thema beleuchten zu können. Doch warum brach das Gespräch zusammen? Weil die Menschen nicht bei sich blieben, weil die Gesprächspartner nicht von sich berichteten, von ihren Erlebnissen in ihrer Gruppe. Oder zumindest denen zuhörten, die über Erfahrungen berichten konnten, sondern gleich wieder mit Meinungen oder Hinweisen, wie etwas zu tun sei, langweilten. Ich finde es toll, dass es diese neuen Möglichkeiten gibt, mit mehr Menschen als mit denen, mit denen ich mich regelmäßig wöchentlich treffe, in Verbindung zu kommen. Das macht aber nur dann Spaß, macht nur dann Sinn, wenn auch im Netz jeder das mitteilt, was ihm wichtig ist, was für ihn eine Bedeutung hat. Und das andere nicht (nur) theoretisch kommentieren, sondern ihre Erfahrungen dazu stellen. Dann kann man sich gemeinsam freuen, kann auch traurig oder betroffen sein und das schreiben. Und vielleicht gibt es ja auch die eine, kostbare, Rückmeldung, die man in der nächsten Woche in der Gruppe ansprechen kann. Die neue virtuelle Welt, die sozialen Netzwerke muss man nicht nutzen. Aber man kann das tun. Und man wird feststellen, dass sie auch so funktionieren, wie es schon alte Sprichwörter ausdrücken. Zum Beispiel: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus“. Wenn wir richtig rufen, gibt es viele, interessante, hilfreiche, vielleicht wichtige, anregende, manchmal ärgerliche, Reaktionen. Aber so ist das Leben.
Rolf Hüllinghorst |


